Libera me

Mit dem ruhig schreitenden Bass eines Schubert-Liedes beginnt das Libera me, der Satz des Requiems mit dem größten dramatischen Potential. Der Solobaß bittet mit einer schlichten Melodie um die Erlösung vom ewigen Verderben, der Chor bekräftigt diese Bitte in einem kurzen Nachsatz. Unerwartet fahren die Hörner dazwischen und bereiten mit einem plötzlichen Ausbruch den Fortissimo-Choreinsatz vor, der wie in einer Vision vom Jüngsten Gericht spricht. Nur siebzehn Takte umfaßt dieser Aufschrei. Wir denken daran, Verdi hat im Libera me seines Requiem die infernalischen Orchesterschläge seines Dies Irae noch einmal zitiert.

Musikbeispiel (17): Verdi, requiem, Dies Irae

Bei Fauré ist es das Zitat eines Dies Irae, das Fauré mit guter Absicht niemals komponiert hat. Es ist wie eine Reminiszenz an die komponierten Strafgerichte der Musikgeschichte, auf die er in seinem Werk verzichten konnte, weil es für ihn kein göttliches Strafgericht geben mußte. In diesem Verzicht liegt ja das eigentlich Revolutionäre dieses Werkes. Chor und Solobaß greifen das Libera-me-Thema wieder auf, der Satz verklingt ruhig und zuversichtlich. Das jüngste Gericht hat nie stattgefunden.

Musikbeispiel (18): Libera me

In Paradisum

Das "In paradisum" hat Faure für die erweiterte Fassung des Requiems der Jahre 1887/88 nachkomponiert. Es korrespondiert in seiner zarten Klanglichkeit mit dem Sanctus und mag als Synthese, als Nachsatz des ganzen Werkes gemeint sein. Auch in diesem Satz ist die Musik ein wenig in Watte, in Plüsch verpackt, die Engel singen beschaulich zur Harfenbegleitung, sehr edel und sehr französisch.

Faurés Requiem kennt in seinem ungewöhnlich zuversichtlichen Charakter kaum Parallelen in Musikgeschichte. Seine Komponistenkollegen haben in der Regel die Dramatik des jüngsten Gerichtes vertont, allen voran Berlioz und Verdi mit ihrem ausgefeilten stereophonen Theaterdonner. Nur Duruflé komponierte ein ähnlich weiches, defensives Requiem. Auch bei Brahms ist die Zuversicht auf einen Sieg des Lebens über Hölle und Tod musikalisch hart und mit einiger Wirkung erkämpft. Der Lyriker Fauré kann auf diese Kämpfe verzichten. Sein Bild vom jenseits hat damals die Menschen befremdet und dürfte auch heute verwundern. Mit den verschwimmenden Tonalitätsgesetzen in Faurés Musik verschwimmen auch die jahrhundertealten Vorstellungen von einem jüngsten Gericht, einer Abrechnung nach dem Tod. Fauré komponierte eine zarte Revolution, deren Nuancen mit großer Aufmerksamkeit gehört werden müssen, um sie nicht zu überhören.

Musikbeispiel (19): In Paradisum

Die CD mit Musikbeispielen kann bei Thomas Schwarz ausgeliehen werden

© Thomas Schwarz, Juni 2001