Agnus dei

Lyrisch-lieblich, wie das Pie Jesu endet, beginnt das Agnus Dei. Die Tenöre tragen die Melodie einstimmig über einem wiegenden Streicherteppich vor – und es ist auffällig, wie oft in diesem Stück die Einstimmigkeit als Element der Schlichtheit verwendet wird – der gesamte Chor bekräftigt den Ruf nach "ewiger Ruhe" mit drängenden Akkorden und seltsam nachschiebenden Orchesterbässen.

Musikbeispiel (12): Agnus dei

Zu den Worten "Lux aeterna, das ewige Licht leuchte ihnen" erklingt eine harmonische Folge, die Fauré von Wagner vielleicht nicht bewußt abgeschaut hat, die aber durchaus in seinem Klang-Geist komponiert wurde. Eines von den gut hundert Themen, aus denen Wagner seine Musik zu den vier Opern des "Ring" bildete, steht als Sinnbild für Schlaf und Vergessen. Brünnhilde schläft zu diesen Takten im dritten Akt der Walküre ein.

Sie hören jetzt noch einmal den Chor mit diesem kurzen Abschnitt und direkt danach Wagners Musik. Fauré singt vom ewigen Licht, das den Verstorbenen scheint, Wagner vom Schlafen, vom hinübergehen ins Unbewußte. Beide Komponisten haben ganz ähnliche Musik für diese Inhalte gefunden.

Musikbeispiel (13): Fauré, Agnus Dei, T. 45 ff

Musikbeispiel (14) Wagner, Walküre, 3. Akt, aus "Wotans Abschied", WPO, Solti

Und noch eine andere Musik klingt an, eine Filmmusik des Amerikaners Phil Glass, der mit monumentalen Klanggemälden Bilder von der zunehmenden, dramatischen Zerstörung menschlichen Lebensraumes durch den Menschen selbst begleitete. Tonart, Klang und Athmosphäre der Musik sind ganz ähnlich – selbst die Achtelbewegung, die die mächtigen Akkorde begleitet, ist ähnlich.

Musikbeispiel (15): Fauré, Agnus Dei, T. 70 - 73

Musikbeispiel (16) Phil Glass, Original-Soundtrack

Es geht mir übrigens nicht darum, zu beweisen, daß ein Komponist vom anderen abgeschrieben hätte. Ich finde es vielmehr interessant, wie Musiker verschiedener Länder und Zeiten zu bestimmten Themenkomplexen sehr ähnliche musikalische Aussagen finden.