Introit et Kyrie

Ich spiele Ihnen jetzt den ersten Satz von Faurés Requiem in einer Einspielung mit John Elliott Gardiner. Gardiner benutzt eine kleine Orchesterbesetzung mit nur wenig Musikern mehr als die 21 Spieler der Aufführung von 1900 und sein Interpretationsansatz kommt Faurés Klangvorstellung, so wie ich sie verstehe, von den derzeit erhältlichen Tonträgern am nächsten.

Wie ein großes graues Portal steht am Anfang das "d" des Orchesters und das auf einem Akkord deklamierte "Requiem aeternam". Dann schreitet der Orchesterbaß einige Ganztonstufen nach unten und bereitet eine Melodie vor, die ebensogut in einem Kunstlied erklingen könnte. Orgel und tiefe Streicher legen einen Klangteppich, auf dem die Chorstimmen ruhig aussingen können. Zu den Worten "exaudi orationem meam, hör unser Gebet" entwickelt sich ein erster dynamischer Höhepunkt, die Streicher treiben das Geschehen mit punktierten Rhythmen voran. Der Satz verklingt im Pianissimo mit den Worten "Kyrie eleison".

Musikbeispiel (2): Introit et Kyrie

Neuartig an Faurés Werk ist nicht nur die Textauswahl – auch in der Harmonik geht Fauré einen Schritt nach vorne. Er verwendet in seiner Musik ausgiebig den übermäßigen Dreiklang, einen Klang, der weder Dur noch Moll ist und der in alle Richtungen aufgelöst werden kann (ggf. Beispiel am Klavier). Der übermäßige Dreiklang schwebt damit gewissermaßen und hat gleichzeitig eine changierende Farbe, als wolle er ausdrücken, daß er nur ein Übergang zu etwas neuem sei. Diese Schwerelosigkeit in der Harmonik macht viel vom Reiz dieses Stückes aus. Immer wenn Fauré Dreiklänge aneinanderfügt, kann man nicht erwarten, daß er dies im Sinne unserer Hörgewohnheiten tut. Oftmals geht die Harmonik sehr unerwartete Wege.

Faurés musikalische Wurzeln lagen nicht nur in der französischen Schule des frühen 19. Jahrhunderts begründet. Er pilgerte regelmäßig nach Bayreuth, um das Spätwerk Wagners zu hören und wie deutlich die Klangbilder des deutschen Komponisten den Franzosen beeinflußt haben, mögen folgende Ausschnitt verdeutlichen. Sie hören nacheinander die kraftvoll-schiebenden Streicherrhythmen Faurés und einen Abschnitt aus Wagners Meistersingern, aus dem Vorspiel zum 3 Akt. So unterschiedlich die musikalischen Motive und Charaktere sind, so ähnlich ist der harmonische Schwebezustand, in dem man sich befindet, wenn man sich auf diese Klänge einläßt.

Musikbeispiel (3): Introit et Kyrie T. 49 ff

Musikbeispiel (4): Wagner, Meistersinger, aus dem Vorspiel zum 3. Aufzug, T. 1 ff (Dresdner Staatskapelle, Herbert von Karajan)

Offertoire

Auch den zweiten Satz, das Offertoire beginnt Fauré in einer Art harmonischem Schwebezustand. Das kurze Motiv der Einleitung wandert wie in einer Fuge durch die Streicherstimmen und wird dann vom zweistimmig singenden Chor weitergeführt. Fauré war u.a. Lehrer von Ravel und in diesem Satz erkennt man vielleicht, was Fauré an Vorbereitungsarbeit für die Musik des frühen 20. Jahrhunderts getan hat. Wenn man diese Musik auch nicht mit vollem Recht als impressionistisch bezeichnen kann, ist sie doch eine gewichtige Vorstufe zu den changierenden Klangfarben Debussys und Ravels.

Musikbeispiel (5): "Offertoire"