Die Vorgängerorgeln
Eine erste Orgel, von der wir nicht wissen, ob sie tatsächlich errichtet wurde, ist in einem Schriftwechsel des Ritterstifts Bleidenstadt im Jahr 1682 erwähnt. Hier wird angedeutet, daß im Langwerk der Kirche eine Orgel „angehängt“ werden soll, man will die Gemeinde gewähren lassen, da nur der Chor dem Ritterstift gehöre. In der Zeit von 1711 bis 1713 wird in der Bierstadter evangelische Kirche dann aber eine „neue Orgel“ erwähnt, Honorar für einen unbekannten Orgelbauer u. a. 1711: 20 Gulden, 1712: 23 Gulden. Mit der ersten Orgel im Chor war man unzufrieden, auffällig kurze Zeit später wird also ein zweites Instrument gebaut. Die Disposition der Orgel von 1711 ist in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1817 überliefert. Sie besaß auf einem Manual und Pedal folgende Register:
Orgel von 1711
(Manual) Principal 8‘ • Octav 4‘ • Octav 2‘ • Mixtur 3fach 1‘ • Cimbel 1/2‘ ("erbärmliches Register, welches nicht mehr zu reparieren ist. Dafür ein Salicional", Anm. des Orgelsachverständigen Kantor Herrmann 1817) • Gedackt 8‘ • Terz 1 3/5‘ • Spitzflöte 8‘ • Quint 1 1/2‘
(Pedal) Subbaß 16‘ • Principalbaß 8‘ • Octavbaß 4‘ • Trompet- oder Posaunbaß 8‘
Die Orgel wurde von hinten gespielt und stand auf einer Empore weit höher als die jetzige Orgel. Die Zimbel bezeichnete der Protokollant von 1817 als „scheußlich“. Der Idsteiner Orgelbaumeister Weißhaupt ist im Jahre 1733 im Zusammenhang mit der Bierstadter Orgel erwähnt. 1935 wurde das Instrument ersetzt durch eine Orgel, die Walcker um 1900 baute (möglicherweise umfangreiche Pfeifenmaterial einer anderen Vorgängerorgel verwendend), elektropneumatisch umbaute und in die Bierstadter Kirche versetzte. Diese Orgel hatte auf zwei Manualen und Pedal folgende Disposition:
Orgel von 1900
(Manual 1) Bordun 16‘ • Prinzipal 8‘ • Flöte 8‘ • Gamba (8?) • Oktave 4‘ • Flöte Traverse 4‘ • Quinte 3‘ • Oktav 2‘ • Mixtur 4fach
(Manual 2) Gedackt 8‘ • Salicional 8‘ •Flöte 4‘ •Voc celestis • Sesquialter 3fach
(Pedal) Subbaß 16‘ • Prinzipal 8‘ • Oktavbaß 4‘ • Violon 16’
Unbestätigt, aber durchaus vorstellbar ist, daß mindestens zwei Pedalregister der alten Orgel von 1900 von dem Igstadter Orgelbauer Voigt stammen. Wie sie in die Bierstadter Orgel kommen, ist unklar, sie konnten immerhin sicher eingelagert werden und werden vermutlich bei der Restaurierung einer anderen Voigt-Orgel eine Rolle spielen. Die übrigen Pfeifen der alten Orgel von 1900 sind wohl verloren, zum Teil wurden sie an Sponsoren der neuen Orgel von 1972 verkauft, zum Teil auch fortgeworfen.
Wie schon erwähnt, nahm die Firma Walcker 1934-1935 einen Umbau an der Orgel vor. Es wurde ein elektrischer Spieltisch eingebaut und alle Register wurden umintoniert. An neuen Registern kamen hinzu im 1. Manual statt Gamba eine Trompete 8’, im 2. Manual eine Waldflöte anstelle der Vox celestis, hinzugebaut wurden die Quinte 1 1/3’ und der Scharff 3fach und im Pedal ersetzte man das Register Violon 16’ durch eine Bauernflöte 2’.
Orgel von 1934
(Manual 1) Bordun 16‘ • Prinzipal 8‘ • Flöte 8‘ • Oktave 4‘ • Flöte Traverse 4‘ • Quinte 3‘ • Oktav 2‘ • Mixtur 4fach • Trompete 8‘(Manual 2) Gedackt 8‘ • Salicional 8‘ • Flöte 4‘ • Waldflöte 2‘ • Quinte 1 1/3‘ • Scharff 3fach
• Sesquialter 3fach
(Pedal) Subbaß 16‘ • Prinzipal 8‘ • Oktavbaß 4‘ • Bauernflöte 2‘
Die Disposition der alten Orgel im Vergleich zur neuen von 1972 gibt zu denken, sie ist im Hauptwerk fast identisch (dürfte aber aufgrund anderer Mensuren und Intonation doch anders geklungen haben), die alte Orgel hatte noch die Quinte 3’ mehr, das 2. Manual besaß statt des in der neuen Orgel recht spitzen Prinzipalregisters Oktave 2’ die Waldflöte 2’ und einen Sesquialter, war also eher als Solomanual zu verstehen. Das barocke Werkprinzip ging dieser Orgel ab, ihr fehlte auch die Pedalmixtur und das Fagott 16’ als dominierendes Pedalregister, das sich schon in der Orgel von 1711 findet und wichtig für die „Gravität“ des Gesamtklanges ist.
Thomas Schwarz
(Quellen: Franz Bösken, Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Schott; Orgelarchiv der Firma Walcker; Kirchenbücher der evangelischen Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt)


